Ordentlich sein mit Neurodiversität
Hast du auch eine beste Freundin, der du Mut machen und sie unterstützen willst? Letztens hatte ich ein langes Gespräch mit meiner Freundin. Bei ihr wurde jetzt im Alter von 48 Jahren ADHS diagnostiziert. Das sie irgendwie „nicht ins System passte“, war ihr schon immer klar, aber jetzt hatte sie es mit einer Diagnose bestätigt. Dieses Gespräch hat mich sehr nachdenklich gemacht, im Bezug auf die Sichtweise auf Ordnung im Zusammenhang mit Neurodiversität. Sie hatte mir schon öfter erzählt wie schwierig es für sie ist, den Überblick zu behalten. Die tägliche Challenge ist, von den Aufgaben nicht erdrückt zu werden und trotzdem, mit soviel Selbstliebe wie möglich, immer wieder ihr Leben mit Familie (2 Kinder, Ehemann, Kater), Freundeskreis, Haus, Garten und beruflichen Ambitionen zu meistern. Ich darf hier ein paar Zeilen aus unserem Gespräch mit euch teilen. Sie erzählte mir:
„Ich habe oft kaum Kraft für all die Gedanken, Ideen und Reize in meinem Kopf – und gleichzeitig trage ich Verantwortung für unsere Familie. Von außen wirkt unser Alltag vielleicht ganz normal, doch innerlich kämpfe ich ständig darum, den Überblick zu behalten. Ich fange vieles an, verliere den Faden und Aufgaben wie Wäsche oder Papierstapel wachsen mir über den Kopf. Das schmerzt, weil ich mir nichts sehnlicher wünsche, als für meine Familie da zu sein und ein ruhiges, liebevolles Zuhause zu schaffen. Stattdessen begleitet mich oft das Gefühl, nicht genug zu sein. Dabei fehlt mir nicht der Wille – sondern die Energie, die ein Familienalltag von mir verlangt.
Ich brauche Ordnung und Struktur, um mich sicher und wohlzufühlen. Doch genau das fällt mir im Trubel eines Vier-Personen-Haushalts am schwersten. Lange habe ich mich gefragt: „Was stimmt eigentlich nicht mit mir?“ Heute weiß ich, dass ich nicht falsch bin. Ich bin neurodivergent. Diese Erkenntnis hat vieles verändert. Sie nimmt mir nicht alle Herausforderungen, aber sie schenkt mir Verständnis für mich selbst – und die Hoffnung, dass ein gutes Leben möglich ist, wenn ich Unterstützung, Akzeptanz und Menschen an meiner Seite habe, die mich so annehmen, wie ich bin.“
Uff…ihre offenen Worte haben mich sehr berührt. Mir war nicht klar, dass es so schwierig für sie ist. Ich frage mich, wie viele Menschen wohl nach Außen den Schein waren und innerlich zerbrechen? Bei meiner Arbeit treffe ich sehr oft auf Menschen, deren Unordnung und das Anhäufen von Besitz mit einem tieferliegenden Problem zu tun haben. Deshalb ist es mir sehr wichtig zuzuhören und den besten Weg für jeden Einzelnen zu finden. Heute möcht ich dich für dieses Thema sensibilisieren. Bist du persönlich betroffen? Dann möchte ich dir mit diesem Blogartikel Hoffnung schenken.
Neurodivergenz und Ordnung
Schwierigkeiten mit Ordnung halten, können bei verschiedenen Formen von Neurodivergenz vorkommen – aber nicht jede neurodivergente Person hat dieses Thema. Unordnung allein ist kein Hinweis auf eine Diagnose. Oft geht es weniger um „nicht ordentlich sein“, sondern um Dinge wie Reizverarbeitung, Planung, Energie, Priorisierung oder das Beginnen und Abschließen von Aufgaben.
Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS) kann häufig mit Ordnungsschwierigkeiten verbunden sein. Gründe dafür können sein:
- Schwierigkeiten mit Exekutivfunktionen (Planen, Sortieren, Entscheidungen treffen)
- Gegenstände „aus den Augen = aus dem Sinn“
- Aufgaben beginnen oder beenden fällt schwer
- Überforderung durch viele kleine Schritte
Bei Autismus-Spektrum-Störung brauchen manche autistische Menschen sehr klare Ordnung und Struktur. Andere haben Schwierigkeiten mit Alltagsorganisation, Übergängen oder Reizüberflutung und wirken deshalb chaotisch. Ordnung kann sehr selektiv sein (z. B. Arbeitsplatz perfekt, Papierkram schwierig).
Legasthenie (Probleme beim Lesen und Schreiben) und andere Lernprofile sind nicht direkt mit Unordnung verbunden, aber organisatorische Aufgaben können mehr mentale Energie kosten.
Dyspraxie (angeborene neurologische Entwicklungsstörung) kann mit Alltagsorganisation, Raumstruktur und Abläufen zusammenhängen.
Menschen mit Zwangsstörung (nicht Neurodiversität im engeren Sinn) sind interessanterweise nicht automatisch „ordentlich“ – manche Menschen verbringen viel Energie mit Kontrolle, wodurch Alltag und Ordnung paradoxerweise schwerer werden. Depressionen oder Angststörungen (ebenfalls nicht Neurodiversität im engeren Sinn) können ebenfalls dazu führen, dass Ordnung halten schwer wird – wegen Erschöpfung, fehlendem Antrieb oder Überforderung.
Es gibt übrigens einen Unterschied zwischen den folgenden Ordnungsbildern
- „Ich weiß, wie Ordnung geht, aber ich halte es nicht durch“ → häufig Exekutivfunktions-Thema (exekutiv = ausführend/vollziehend)
- „Ich weiß gar nicht, wo ich anfangen soll“ → häufig Strukturierungs-/Entscheidungsthema
- „Ordnung kostet mich extrem viel Energie“ → häufig Reiz- oder Belastungsthema.
Das Muster sagt oft mehr als die Menge an Unordnung.
Wenig Energie – mentale Erschöpfung – aufschieben bis zum schlechten Gewissen
Das passt ziemlich typisch zu einem ADHS-Muster aus Exekutivfunktionsbelastung + Überforderung durch visuelle Menge + hoher Einstiegshürde – und eher nicht zu „fehlender Disziplin“. Oft ergeben sich mehrere Probleme gleichzeitig:
Schwieriger Start → Das Gehirn bewertet die Aufgabe als zu groß, zu unklar oder zu energieintensiv.
- Viele Dinge gleichzeitig im Blick → Alles wirkt gleich wichtig, dadurch entsteht Entscheidungsstau.
- Wenig Energie → Selbst kleine organisatorische Entscheidungen fühlen sich unverhältnismäßig an.
- Papierkram besonders schwer → Papier erzeugt oft unsichtbare Mini-Aufgaben („lesen, entscheiden, abheften, reagieren …“).
Das Entscheidende: Bei ADHS ist Aufräumen oft kein Ordnungsproblem, sondern ein Entscheidungs- und Aktivierungsproblem. Für dieses Muster kann dir helfen, nicht mit „mehr Motivation“ zu arbeiten, sondern mit weniger Reibung.
Nicht „aufräumen“ – nur den Einstieg definieren
- „Ich räume auf“ ist zu groß. Stattdessen:
- nur 5 Gegenstände zurücklegen
- nur eine Oberfläche
- nur 5 Minuten Papier anfassen
- Aufhören ist erlaubt.
Das Ziel ist es, dass Gehirn in Bewegung zu bringen, nicht fertig zu werden.
- Papierkram radikal vereinfachen (max. 3 Kategorien), keine komplizierten Ordnersysteme.
- Sofort erledigen (unter 3 Minuten)
- Warten / prüfen
- Archiv
Mehr Kategorien erzeugen oft mehr Entscheidungslast als Nutzen. Schaffe dir eine „Parkzone“ statt perfekter Ordnung.
Wenn viele Dinge herumliegen:
- ein Korb / Box
- alles ohne Entscheidung dort hinein
- später nur diese Box bearbeiten
Die schnell herzustellende temporäre Ordnung ist oft besser als eine Blockade. Und wenn du gerade wenig Energie zur Verfügung hast, geht das vor Ordnung. Arbeite dann nach Ebenen.
- Level 1 (2–5 Min): Müll + Geschirr
- Level 2 (10 Min): Dinge gruppieren
- Level 3 (wenn Kraft da): entscheiden und einsortieren
Sei milde zu dir, nicht jeder Tag ist ein Level-3-Tag!
Es hilft auch das Papier nur in einer Richtung zu bewegen. Hier gibt es die klare Regel, Papier nur einmal in die Hand nehmen. Lege es nicht zurück auf den Stapel! Dann sofort:
- erledigen
- terminieren
- archivieren
- entsorgen
Organisiere dich lieber sichtbar statt versteckt. Viele Menschen mit ADHS profitieren von:
- offenen Regalen (nicht für jeden geeignet)
- transparenten Boxen
- Beschriftungen
- wenige Aufbewahrungsorte
Andernfalls könnte „Aus den Augen, aus dem Sinn“ auch ein Problem darstellen.
Hinterfrag dich bitte auch, ob es eher mentale Erschöpfung, körperliche Müdigkeit, ständiges Aufschieben mit schlechtem Gewissen ist, oder du dich generell erschöpft fühlst – auch unabhängig vom Aufräumen? Um auszuschließen, dass es einen anderen Hintergrund hat.
Bei meiner weiteren Auseinandersetzung mit dem Thema ist mir aufgefallen, dass die meisten Menschen mit ADHS, weniger ein „zu wenig Ordnungssinn“ und mehr einen ADHS-Loop aus mentaler Erschöpfung → Aufschieben → wachsendem Stapel → Schuldgefühl → damit verbunden eine noch höhere Einstiegshürde beschreiben. Du sammelst z. B. Papierkram bis der Stapel groß genug ist, dass Einsortieren zu einem Projekt wird. Dann braucht die Aufgabe plötzlich Konzentration, Entscheidungen, Ausdauer und Überblick gleichzeitig. Für dieses Muster würde ich nicht versuchen, disziplinierter abzulegen – sondern das System so umzubauen, dass kaum Sortierenergie nötig ist.
Weg vom Archivieren – hin zum „Zwischenlagern“
Du brauchst wahrscheinlich eine aktive Ablage, nicht direkt die Endablage. Mein Vorschlag wäre hier nur 3 Kategorien:
- Eingang → alles Neue kommt hier rein
- Zu erledigen
- Archiv
Nicht mehr. Erst wenn der Eingang eine bestimmte Grenze erreicht (z. B. eine Mappe voll), wird archiviert. Hilfreich für dich ist vielleicht, nicht nach Thema zu sortieren, sondern nach Suchlogik. Viele ADHS-Menschen bauen zu feine Kategorien. Also statt nach
Versicherungen / Gesundheit / Verträge / Finanzen / Sonstiges
zu sortieren, lieber nach:
Wichtig – behalten / Fristen / Nachweis / Weg
Die Frage, die du dir stellen solltest ist nicht: „Wo gehört das hin?“, sondern: „Wo würde ich es in 6 Monaten suchen?“
Lege „Ablage-Sprints“ statt Papier-Tag ein. Kein „Heute mache ich Papierkram“, sondern:
- Timer 8 Minuten
- nur einsortieren
- stoppen, obwohl noch etwas da ist.
Du trainierst damit Regelmäßigkeit, nicht Vollständigkeit.
Entferne Schuldgefühle aus dem Prozess. Ein voller Papierstapel ist oft kein Zeichen von Faulheit, sondern ein Zeichen dafür, dass dein aktuelles System mehr Entscheidungen verlangt als dein Gehirn gern liefert.
Deshalb solltest du dir eine andere Messgröße erschaffen: Nicht: „Ist alles abgelegt?“, sondern: „Ist der Stapel kleiner als letzte Woche?“ Kleine Begrenzungen helfen oft mehr als große Aufräumaktionen.
Aneinanderreihung von Entscheidungen
Gerade das Thema Ablage/Papierkram ist nicht nur ein Aufschieben, sondern eine Aneinanderreihung von Entscheidungen.
Papier → Entscheidung → mentale Ermüdung → Vertagen → größerer Stapel → noch mehr Entscheidungen.
Das erklärt auch, warum das Einsortieren so schwer wirkt. Für viele Menschen mit ADHS ist Papier selten nur Papier – jedes Blatt ist eine offene Schleife:
- Muss ich etwas tun?
- Muss ich das behalten, wenn ja wie lange?
- Wie wichtig ist das?
- Wo gehört es hin?
- Brauche ich das später?
Wenn jedes Blatt erst bewertet werden muss, ist der Energieverbrauch enorm. Deshalb würde ich dein System noch stärker entscheidungsarm machen. Ich würde starten mit Sortierung nach:
- Offensichtiger Müll
- Offensichtliche Aufbewahrung
- Erst danach Entscheidungen
So entlastest du dein Gehirn, bevor die Denkarbeit beginnt. Wenn du jemand bist, der Entscheidungen gründlich treffen möchte, dadurch aber in eine Art Verwaltungsstau gerät, gestalte deine Ablagekategorien für dich logisch. Dokumente z. B. sollen für dich auffindbar und nicht perfekt abgelegt sein.
Sicher könnte ich noch so viel mehr Tipps in diesen Artikel schreiben. Ich finde es gerade aber wichtiger dir zu vermitteln, dass auch du Hilfe durch mich erhalten kannst. Wir sprechen über deine Neurodivergenz und finden eine gute Lösung für dein Leben. Ich möchte, dass du weißt, jeder neurodivergente Mensch ist genau richtig, wie er ist.
👉 Wenn du endlich DEIN System finden möchtest und Hilfe dabei benötigst, frag mich gern nach einem kostenlosen Erstgespräch. Ich zeige dir sehr gern, wie viele Möglichkeiten es gibt, dir zu helfen. Ich kann dir im zweiten Schritt sogar einen kostengünstigen Onlinetermin per Zoomcall anbieten, der oft schon richtig viel bewirkt. Heute könnte der erst Tag in dein leichteres Leben sein.
Herzliche Grüße,
Michaela
Ordnungscoaching und Feng-Shui-Beratung
